Die Vielfalt des Chinesischen: Zehn Dialekte, die du kennen solltest

China ist sprachlich eines der komplexesten Länder der Welt. Hinter der Einheitssprache Mandarin verbirgt sich eine faszinierende Welt aus Dialekten, die oft kaum miteinander zu tun haben.

Stell dir vor, du reist von Peking nach Kanton und kannst mit den Menschen dort plötzlich kein Wort mehr wechseln, obwohl ihr beide "Chinesisch" sprecht. Kein Missverständnis, keine Übertreibung. In China ist das Alltag. Was viele überrascht: Die chinesischen Schriftzeichen verbinden all diese Dialekte schriftlich, obwohl man sich mündlich kaum versteht. Die chinesische Schrift ist das einzige Band, das sie alle vereint.

China ist nicht nur flächenmäßig und bevölkerungsmäßig eines der größten Länder der Welt. Es ist auch sprachlich außerordentlich vielfältig. Laut Ethnologue belegt China weltweit Platz sieben in der Sprachenvielfalt. Im Jahr 2022 wurden dort 307 Sprachen gezählt, mehr als 150 davon gelten als gefährdet. Viele Linguisten sprechen deshalb weniger von einer Sprache als von einer ganzen Sprachfamilie. Offiziell unterscheidet man zehn chinesische Dialekte. Hier sind sie.

1. Mandarin

Mit über 1,1 Milliarden Sprechern ist Mandarin nicht nur die meistgesprochene Form des Chinesischen, sondern die Sprache mit den weltweit meisten Muttersprachlern überhaupt. Rund 70 Prozent aller Chinesen sprechen sie. Viele fragen sich: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Chinesisch und Mandarin? Ganz einfach: Mandarin ist eine von mehreren chinesischen Sprachen, aber die einzige mit offiziellem Status. Die Standardform, Putonghua, basiert auf dem Pekinger Dialekt und ist eine der sechs Amtssprachen der Vereinten Nationen. Wer die Mandarin-Sprache lernen möchte, beginnt hier, und wer wissen will, wer Mandarin spricht: fast die gesamte Bevölkerung Festlandchinas und Taiwans.

2. Wu

Wu wird von etwa 81,8 Millionen Menschen gesprochen, vor allem in Shanghai, in weiten Teilen der Provinz Zhejiang und im Süden von Jiangsu. Ausländern gegenüber stellen sich Wu-Sprecher ihre Sprache manchmal als "Shanghainesisch" vor. Die nördlichen Dialekte des Wu sind untereinander verständlich, die südlichen dagegen kaum.

3. Kantonesisch

Kantonesisch hat mehr als 80 Millionen Muttersprachler und gilt in Südchina, Hongkong und Macau als fester Bestandteil der kulturellen Identität. Es ist die Verkehrssprache des Perlflussdelta-Gebiets und offizielle Sprache in Hongkong und Macau. Auch unter Auslandschinesen in Südostasien und in der westlichen Welt ist es weit verbreitet.

4. Min

Min wird von rund 60 Millionen Menschen gesprochen, hauptsächlich in der Provinz Fujian und in Taiwan. Die taiwanesische Variante, auch "Taiwanesisch" genannt, unterscheidet sich kaum vom südlichen Min der Region Xiamen. Bemerkenswert: Min hat viele Merkmale des Altchinesischen bewahrt, die anderen chinesischen Dialekten längst verloren gegangen sind.

5. Jin

Jin wird von etwa 63 Millionen Menschen in Nordchina gesprochen, vor allem in der Provinz Shanxi und Teilen der Inneren Mongolei. Ob Jin ein eigenständiger Dialekt oder ein Teil des Mandarin ist, darüber streiten Sprachwissenschaftler bis heute. Der Linguist Li Rong schlug 1985 vor, Jin als eigene Dialektgruppe einzustufen. Seither ist die Debatte offen.

6. Xiang

Xiang, auch als Hunan-Dialekt bekannt, sprechen über 38 Millionen Menschen, vor allem in der Provinz Hunan. Der zunehmende Einfluss des Mandarin macht es schwieriger, die verschiedenen Xiang-Varianten voneinander abzugrenzen. Sprachwissenschaftler unterscheiden ein "altes" und ein "neues" Xiang, je nachdem, wie viele ursprüngliche Lautmerkmale erhalten geblieben sind.

7. Hakka

Hakka wird von rund 47,8 Millionen Menschen gesprochen, hauptsächlich in isolierten und verstreuten Regionen Südchinas, aber auch in Taiwan, Singapur und Malaysia. Da Hakka-Sprecher geografisch so weit verteilt leben, hat der Dialekt viele lokale Varianten entwickelt. Die Zahl junger Sprecher nimmt ab: Mandarin und Kantonesisch verdrängen Hakka zunehmend aus dem Alltag.

8. Gan

Rund 48 Millionen Menschen sprechen Gan, vor allem in der Provinz Jiangxi. Gan und Hakka sind sich phonetisch besonders ähnlich. Ob Gan eine eigenständige Sprache oder ein Dialekt ist, wird in der Sprachwissenschaft kontrovers diskutiert. Eines ist jedoch klar: Gan und Mandarin sind für ihre Sprecher gegenseitig kaum verständlich.

9. Hui

Hui, auch Huizhou genannt, sprechen rund 4,2 Millionen Menschen im südöstlichen Anhui sowie in angrenzenden Gebieten von Zhejiang und Jiangxi. Trotz seiner geringen geografischen Verbreitung weist Hui eine bemerkenswert hohe interne Variation auf. Zweisprachigkeit ist unter Hui-Sprechern deshalb weit verbreitet.

10. Ping

Ping wird von etwa 7 Millionen Menschen hauptsächlich in der autonomen Region Guangxi Zhuang gesprochen. Es dient in einigen Gebieten als Handelssprache und wird von Sprechern der Zhuang-Sprachen als Zweitsprache genutzt. Kantonesisch prägt den südlichen Ping-Dialekt stark, während sich der nördliche deutlich davon unterscheidet.

Eine Sprache oder viele?

Die chinesischen Dialekte zeigen, wie reichhaltig und vielschichtig eine Sprachfamilie sein kann. Wer Chinesisch lernen möchte, beginnt mit Mandarin. Es ist nicht nur Amtssprache, sondern der Schlüssel zu einer Kultur, die über Jahrtausende gewachsen ist. Und wer wirklich eintauchen will: Eine Sprachreise nach China, ob für Schüler, Studierende oder Erwachsene, ist der direkteste Weg, diese Vielfalt hautnah zu erleben. Denn manche Dinge lassen sich nicht lernen. Man muss sie hören.

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