China ist weitläufig und entsprechend groß ist seine sprachliche Vielfalt: Laut Ethnologue gehört es zu den sprachenreichsten Ländern der Welt. Hunderte Sprachen werden hier gesprochen, viele davon sind durch die Ausbreitung des Mandarin vom Aussterben bedroht. Die gesprochenen Varietäten des Chinesischen werden traditionell als „Dialekte“ (方言, fāngyán) bezeichnet. Da sich ihre Sprecher meist gegenseitig nicht verstehen, betrachten viele Linguisten Chinesisch jedoch als Sprachfamilie statt als einzelne Sprache. Dieser Ratgeber stellt dir die zehn meistgesprochenen chinesischen Dialekte bzw. chinesischen Sprachen vor und zeigt, wo sie gesprochen werden.
Chinesische Dialekte: Die 10 meistgesprochenen Sprachen Chinas
Sprachen in China auf einen Blick
| Varietät | Sprecher (ca.) | Hauptverbreitung |
| Mandarin (Putonghua) | ca. 1,1 Milliarden | Nord- und Westchina, Taiwan |
| Jin | ca. 63 Mio. | Shanxi, Innere Mongolei |
| Wu (inkl. Shanghainesisch) | ca. 82 Mio. | Shanghai, Zhejiang, südliches Jiangsu |
| Kantonesisch (Yue) | ca. 80 Mio. | Guangdong, Hongkong, Macau |
| Min (inkl. Hokkien) | ca. 60 Mio. | Fujian, Taiwan |
| Gan | ca. 48 Mio. | Jiangxi |
| Hakka | ca. 48 Mio. | Verstreut in Südchina |
| Xiang (Hunanesisch) | ca. 38 Mio. | Hunan |
| Ping (Pinghua) | ca. 7 Mio. | Guangxi |
| Hui (Huizhou) | ca. 4 Mio. | Südliches Anhui |
1. Mandarin (Hochchinesisch) 官話
Mit mehr als 1,1 Milliarden Sprechern ist Mandarin die am weitesten verbreitete Form des Chinesischen und die Sprache mit den meisten Muttersprachlern und Sprechern weltweit. Der Unterschied zwischen Mandarin und Kantonesisch oder Wu ist groß, denn die südchinesischen Sprachen sind keine Dialekte des Mandarin, sondern eigenständige chinesische Sprachen. Damit ist Mandarin mit Abstand die größte der zehn chinesischen Dialektgruppen: 70 % aller Chinesen sprechen es, verteilt auf ein riesiges Gebiet.
Die Amtssprache in China und Taiwan heißt heute Putonghua (普通話). Sie hat sich aus dem Pekinger Mandarin entwickelt und wird im Deutschen als Mandarin Chinesisch oder Hochchinesisch bezeichnet. Diese Form der chinesischen Sprache ist die meistgesprochene im Großraum China und eine der sechs Amtssprachen der Vereinten Nationen.
2. Wu (Wu-Sprache)
Auch Wu gehört zu den wichtigsten Dialekten des Chinesischen. Der Name geht auf eines der drei Königreiche zurück, in die China am Ende der Han-Dynastie zerfiel und dessen Gebiet in etwa dem heutigen Wu-Sprachraum entsprach.
Mit 81,8 Millionen Sprechern ist Wu nach Mandarin der zweitmeistgesprochene chinesische Dialekt. Gesprochen wird er in Shanghai, im größten Teil der Provinz Zhejiang, im Süden der Provinz Jiangsu sowie in Teilen von Anhui und Jiangxi.
Wu-Sprecher bezeichnen ihre Muttersprache gegenüber Ausländern manchmal etwas ungenau als "Shanghainesisch" (上海话 / 上海話). Die nördlichen Wu-Varietäten sind untereinander verständlich, die südlichen nicht.
3. Kantonesisch 廣 東 話
Kantonesisch ist die traditionelle Prestigevarietät der Yue-Dialektgruppe (also die Form, die die angesehensten Menschen der Provinz Kanton sprachen), die mehr als 80 Millionen Muttersprachler zählt. Streng genommen bezeichnet Kantonesisch nur diese Prestigevarietät, im Alltag wird der Begriff aber oft für die gesamte Yue-Untergruppe verwendet, einschließlich verwandter, aber kaum verständlicher Sprachen und Dialekte. Standardkantonesisch wird meist einfach "Kantonesisch" genannt.
Für seine Muttersprachler in weiten Teilen Südostchinas, in Hongkong und Macau sowie in Gemeinschaften im Ausland ist Kantonesisch ein fester, untrennbarer Bestandteil ihrer kulturellen Identität.
In Festlandchina ist es die Verkehrssprache der Provinz Guangdong (als Mehrheitssprache des Perlflussdeltas) und angrenzender Gebiete wie Guangxi. In Hongkong und Macau ist Kantonesisch die vorherrschende Sprache und Amtssprache. Auch unter Auslandschinesen in Südostasien (vor allem in Vietnam und Malaysia, weniger in Singapur und Kambodscha) und in der gesamten westlichen Welt ist es weit verbreitet.
4. Min 閩語 (inkl. Hokkien und Taiwanesisch)
Mit 60 Millionen Sprechern gehört Min zu den wichtigsten sinitischen Sprachen (einer Untergruppe der sinotibetischen Sprachen). Es ist nach Mandarin, Wu und Kantonesisch der viertmeistgesprochene chinesische Dialekt und wird von rund 60 Millionen Menschen vor allem in Taiwan und der Provinz Fujian gesprochen. Die in Taiwan gesprochene Form des Südlichen Min wird oft Taiwanesisch genannt, eine wichtige Sprache Taiwans neben Mandarin. Sie unterscheidet sich jedoch kaum vom Südlichen Min, das in der Region Xiamen im Süden Fujians gesprochen wird.
Viele Min-Sprachen haben auffällige Merkmale des Altchinesischen bewahrt, und es gibt sprachliche Hinweise darauf, dass nicht alle Min-Varietäten direkt vom Mittelchinesischen der Sui- und Tang-Dynastie abstammen. Man geht davon aus, dass Min ein bedeutendes Substrat aus den Sprachen der Völker enthält, die vor ihrer Assimilation in die chinesische Kultur in der Region lebten. Min ist zudem der meistgesprochene chinesische Dialekt in chinesischen Gemeinschaften Südostasiens, besonders in Singapur und Malaysia.
5. Jin 晉語
Jin ist eine vorgeschlagene Gruppe chinesischer Varietäten, die rund 63 Millionen Menschen in Nordchina sprechen, darunter im größten Teil der Provinz Shanxi, in weiten Teilen der Inneren Mongolei und in angrenzenden Gebieten von Hebei, Henan und Shaanxi. Der Status des Jin ist unter Linguisten umstritten: Manche zählen es zum Mandarin, andere sehen darin eine eng verwandte, aber eigenständige Schwestergruppe.
Bis in die 1980er-Jahre wurde Jin durchweg dem Mandarin zugerechnet. 1985 schlug der chinesische Linguist Li Rong jedoch vor, Jin als eigene Dialektgruppe auf oberster Ebene einzustufen, vergleichbar mit Yue oder Wu. Sein Hauptargument: Jin hat den sogenannten Eintrittston (einen der vier Silbentöne der mittelchinesischen Phonologie) als eigene Kategorie bewahrt, ähnlich wie Wu, aber anders als die meisten Mandarin-Dialekte. Heute folgen manche Linguisten dieser Einteilung, andere ordnen Jin weiterhin dem Mandarin zu.
6. Xiang-Dialekt 湘语
Der Xiang-Dialekt, auch Hunan-Dialekt genannt, gehört zur chinesischen Familie der sinotibetischen Sprachen. Mehr als 38 Millionen Menschen sprechen Xiang, vor allem in der Provinz Hunan sowie im Einzugsgebiet des Xiang-Flusses und seiner Nebenflüsse.
Durch den starken Einfluss der Mandarin-Dialekte lassen sich die Xiang-Dialekte nur schwer abgrenzen. Yuan Jiahua teilte den Hunan-Dialekt anhand stimmhafter Anlaute in eine alte und eine neue Gruppe ein.
Hunan-Dialekte, die die stimmhaften Anlaute bewahrt haben, zählt er zum Alt-Xiang, jene, die einige konservative lautliche Merkmale verloren haben, zum Neu-Xiang.
7. Hakka 客 家 话
Mit 47,8 Millionen Muttersprachlern ist Hakka ein Dialekt, der vor allem in Südchina vom Volk der Hakka (客家人) gesprochen wird. Weil Hakka überwiegend in abgelegenen, verstreuten Regionen gesprochen wird, in denen sich die Kommunikation auf die lokale Ebene beschränkt, haben sich zahlreiche Varietäten entwickelt, etwa in den Provinzen Guangdong, Jiangxi und Hainan, aber auch in Taiwan, Singapur, Malaysia, Thailand und Indonesien.
In Festlandchina sprechen Hakka durch den zunehmenden kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen den Regionen oft Mandarin oder Kantonesisch, und in den traditionellen Gebieten wird nicht auf Hakka unterrichtet. Die jüngere Generation wächst mit Mandarin auf, die Zukunft des sprachlichen Erbes sieht daher nicht rosig aus. Der Anteil junger Hakka-Sprecher sinkt, und manche sind ganz zu den dominierenden Sprachen Mandarin und Kantonesisch gewechselt. Mündlich überlieferte traditionelle Hakka-Kinderreime werden nur noch selten vollständig aufgesagt.
In einem kleinen Teil des Perlflussdeltas existieren Hakka-Dialekte zudem als "Sprachinseln" in einzelnen Dörfern und Städten. Unter dem Einfluss von Kantonesisch und Mandarin haben sich manche Hakka-Familiensprachen in Kantonesisch oder Mandarin verwandelt. Der Meixian-Dialekt aus Meizhou in der Provinz Guangdong gilt seit jeher als typischer Vertreter des Hakka. In der Linguistik ist er der Referenzdialekt bzw. die Standardaussprache des Hakka.
8. Gan (贛)
Mit 48 Millionen Sprechern ist Gan eine sinitische Sprache, die viele Einwohner der Provinz Jiangxi sowie größere Bevölkerungsgruppen in umliegenden Regionen wie Hunan, Hubei, Anhui und Fujian sprechen. Gan gehört zu den sinitischen Sprachen innerhalb der sinotibetischen Sprachfamilie, und lautlich steht Hakka dem Gan unter allen chinesischen Varietäten am nächsten. Es gibt mehrere Gan-Dialekte, als repräsentativ gilt meist der Nanchang-Dialekt.
Die Einordnung des Gan ist in der Wissenschaft seit jeher umstritten, grob lassen sich zwei Positionen unterscheiden. Nach der ersten ist Gan ein "Dialekt" des Chinesischen. Diese Sicht ist aus historischen, kulturellen und anderen Gründen vor allem in der Wissenschaft Festlandchinas verbreitet. Auch viele Gan-Sprecher selbst sehen ihren Dialekt als eine Form des Chinesischen, was an wissenschaftlicher Prägung, politischen Erwägungen und nationalen Gefühlen liegt, aber auch daran, dass Gan dem Mandarin ähnlicher ist als Kantonesisch oder Hokkien. Nach der zweiten Position ist Gan eine eigene Sprache, und ausländische Linguisten untersuchen Gan und andere chinesische Sprachen im Rahmen der chinesischen Linguistik als Sprachen.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gilt: Varietäten, deren Sprecher sich nicht verständigen können, sind als eigene Sprachen einzustufen. Zwischen Gan und anderen chinesischen Dialekten gibt es deutliche Unterschiede in Aussprache, Wortschatz und Grammatik, eine mündliche Verständigung ist nicht möglich. Manche Wissenschaftler sehen im Verhältnis der chinesischen Dialekte daher eher eine Beziehung "von Sprache zu Sprache" als "von Dialekt zu Dialekt".
9. Hui-Dialekt 徽话
Hui, auch Huizhou-Chinesisch (徽话, wörtlich "Huizhou-Sprache"), ist eine sinitische Sprache mit rund 4,2 Millionen Sprechern. Ihr Status ist unter Linguisten umstritten: Manche ordnen sie dem Wu zu, andere dem Gan, wieder andere sehen darin einen eigenständigen Zweig des Chinesischen. Der Name leitet sich von der historischen Region Huizhou ab.
Verglichen mit anderen chinesischen Sprachen wird Hui nur in einem kleinen Gebiet gesprochen: in der historischen Region Huizhou, in rund einem Dutzend Bergkreisen im Südosten Anhuis und in angrenzenden Gebieten von Zhejiang und Jiangxi. Trotz der geringen Verbreitung ist Hui intern sehr vielfältig, weshalb Zwei- und Mehrsprachigkeit unter seinen Sprechern verbreitet ist. Wie bei allen chinesischen Varietäten wird auch bei Hui weiter darüber gestritten, ob es eine Sprache oder ein Dialekt ist.
10. Ping Pinghua
Mit 7 Millionen Sprechern ist Ping eine sinitische Sprache, die vor allem in Teilen des Autonomen Gebiets Guangxi der Zhuang gesprochen wird, mit einigen Sprechern in Hunan, Yunnan und Guangdong. In manchen Gegenden Guangxis dient Ping als Handelssprache und wird von Sprechern der Zhuang-Sprachen als Zweitsprache genutzt.
Üblicherweise wird Ping mit der Stadt Liuzhou als Grenze in Guibei-Ping (桂北平话) und Guinan-Ping (桂南平话) unterteilt. Das Lautsystem des Guibei-Ping unterscheidet sich von dem des Südwest-Mandarin, des Nordguangxi-Xiang, des Hakka, des Kantonesischen und der Fujian-Dialekte. Es weist viele Mischformen, aber wenige Gemeinsamkeiten auf.
Das Guinan-Ping ist in Aussprache, Wortschatz und Grammatik stark vom Kantonesischen geprägt und intern recht einheitlich. Traditionell wurde es dem Kantonesischen zugeordnet, 1987 stuften die chinesischen Sozialwissenschaften Pinghua jedoch als eigenen chinesischen Dialekt ein, der nicht zum Kantonesischen gehört.
Zusammenfassung
Chinesisch ist weniger eine einzelne Sprache als eine ganze Sprachfamilie. Die zehn wichtigsten chinesischen Dialekte, Mandarin, Wu, Kantonesisch, Min, Jin, Xiang, Hakka, Gan, Hui und Ping, sind größtenteils gegenseitig unverständlich und das Ergebnis von Chinas enormer Fläche und langer Geschichte. Mandarin ist mit Abstand die größte dieser chinesischen Sprachen, die offizielle Standardsprache und die Sprache, die Lernende studieren. Wenn du Chinesisch lernen willst, heißt das also Mandarin, und am besten geht das dort, wo es gesprochen wird: bei einem Chinesisch Sprachkurs mit SPRACHCAFFE in Peking.
FAQ
Aus linguistischer Sicht sind es viele davon. Die gesprochenen Varietäten heißen traditionell Dialekte (fāngyán), sind aber meist gegenseitig unverständlich. Viele Linguisten betrachten Chinesisch deshalb als Familie verwandter Sprachen.
Mandarin, mit großem Abstand und rund einer Milliarde Sprechern. Es ist die offizielle Standardsprache Chinas und die Grundlage des Putonghua, der geförderten Gemeinsprache.
Neben Mandarin zählen Wu (rund um Shanghai), Yue bzw. Kantonesisch (Guangdong und Hongkong), Min (Fujian und Taiwan), Hakka und Xiang zu den größten, jede mit mehreren zehn Millionen Sprechern.